Krebsgruppe

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Wir sitzen drinnen im Warmen, die seltene Wintersonne schafft es nicht ganz bis hier runter, obwohl die große Fensterscheibe des Cafés sich extra breit macht, um ein wenig Licht aufzufangen. Till sagt mir, er sitze lieber hinten, „da ist es gemütlicher“, aber ich liebe es am Fenster. Während die andere Person mehr Kaffee holt oder aufs Klo geht oder irgendjemanden begrüßen muss, weil man kennt ja immer irgendwen hier, sitze ich am Fenster und schaue hinaus auf die Straße. Blauer Himmel, der über den Häusern steht und den ich sehe, wenn ich den Kopf in den Nacken lege. Auf dem Balkon des dritten Stockwerks des Hauses gegenüber, rupft gerade eine Krähe einen vertrockneten Rest Balkonpflanze aus einem Topf und wirft ihn auf die Straße. Die lockeren Erdklumpen verstreuen sich im Wind, die schwereren Brocken fallen direkt zu Boden, auf den Asphalt. Die Krähe wirft den leeren Plastiktopf hinterher und fliegt dann weg. Till kommt zurück, ohne Kaffee mit leerer Blase dafür und mit mehr Klatsch und Tratsch. Draußen schließt Eva ihr Fahrrad an. Till und ich winken durch die Scheibe. Wie immer ist sie farblich abgestimmt. Heute mit zwei Sträußen Blumen im Fahrradkorb, deren Umwickelpapier, wie mir auffällt, zu ihrem Rucksack passt. Das ist Zufall. Heute sind die langen Nägel türkis und glitzern. Eva ist eine, die alles zusammenbringt, die vermeintlichen genderspezifischen Widersprüche vereint. Eine, die weiblich Assoziiertes zelebriert, die fürsorglich, weich und trotzdem vorlaut und taff ist. Bei der strukturellen Misogynie, ist das mutiger und queerer als sich einfach nur stark und androgyn zu präsentieren und das eigene Weiche abzulehnen, denke ich manchmal. Sie winkt zurück, bedeutet gestikulierend, dass sie auch gleich reinkommt. Sie hat müde Augen, als sie zu unserem Tisch kommt, sehe ich es. „Cooler Zufall. Euch hab ich ja beide schon ewig nicht gesehen.“, „Ja, wen man so trifft wenn, man mal frei hat unter der Woche. Wirklich, ganz andere Stadt. So wenig los auf den Straßen.“, lacht Till hüstelnd. „Nur Eltern mit Babys. Und Hundebesitzer.“ sage ich, „Und Arbeitslose, wie ich bald.“, sie lacht ihr lautes Lachen, das ansteckend wirkt. „Willst du dich zu uns setzen?“, „Ja, voll gerne, ich hab auch ein bisschen Zeit tatsächlich.“. „Cool.“, sage ich, „Jo, coolio.“, sagt Till. Sie holt sich noch was zu trinken, „Wollt ihr auch noch was?“, „Ne, gerade nicht, danke.“, als sie wiederkommt und sich mit Schwung setzt, kommt sie gleich zur Sache. „Wie geht es euch?“, fragt sie unverblümt und es interessiert sie wirklich. Ich atme durch und überlasse Till den Vortritt, denn es interessiert mich auch, wie es ihm eigentlich geht. Wir sitzen zwar schon eine Weile hier, aber ich habe ihn noch nicht gefragt. Wenn ich das frage, meine ich es auch so und meist frage ich erst nach einer Weile. Erstmal haben wir über Onlinedating und Szeneklatsch und Kuchen und somatische Wehwehchen geredet, über Demos, auf die ich nie gehe, weil es nie klappt und Till meinte, dass Greta, das wohl nicht löblich finden würde. Nun erzählt Till von seinem Vater, der hat auch Krebs, dem es gerade ganz gut geht und auf die nächsten Testergebnisse wartet. Eva erzählt von ihrer Mutter, die hat auch Krebs, nochmal einen andere Krebsart und der geht es auch gerade ganz gut, Chemopause. Dafür gibt es andere Familienprobleme und Krankheiten. Jetzt erklären sich Evas müde Augen. „Irgendwie denkt meine Familie, dass ich nur, weil ich Single bin und keine Kinder habe, da am meisten machen kann, mich um Oma kümmern kann. Mach ich auch ein Stückweit gerne, aber nicht nur, es reicht jetzt auch wieder.“, „Kann ich verstehen.“. Carework, die unsichtbare Arbeit. Frauenalltag. Irgendwann schauen sie mich an und das „Und, bei dir?“ kommt. Ich setze an und erzähle vom Schwierigen und vom Leichten, von Kira und meinen Versuchen mir wieder Sphären außerhalb des Mutterdaseins und der Trauer zu erobern. „Und dann bin ich plötzlich wieder so traurig. So Momente am Tag, wo ich einfach mal kurz heulen muss, die hab ich zur Zeit fast mehr als noch vor ein paar Monaten. Gerade mischt sich alles, ich glaub es geht mir grundsätzlich besser, deswegen können auch die schönen Erinnerungen mehr kommen, also ich kann sie vielleicht mehr zulassen, oder so. Aber ich habe auch Angst vor der nächsten Zeit. Die ganze Weihnachts- und Silvesterkacke, danach kommt der Zusammenbruch und das MRT Ergebnis Anfang Januar, die Hochzeit, mein Geburtstag und irgendwie dann eigentlich auch schon das Sterben. Ich würde gerade gerne vorspulen, zu Mai.“, ich stocke. „Aber irgendwie in all dem, bin ich nicht depressiv.“, sage ich ihnen. Es stimmt. Meine Trauer bringt mich aus dem Gleichgewicht. Mein kontrolliert kallibriertes Leben ist aus den Fugen. Aber das ist Leben, oder nicht. Auch früher war ich nie innerlich taub, melancholisch ja, aber immer mit dem Schuß verträumter bittersüßer Traurigkeit wie sie ein guter Singer-Songwriter Song einfängt. Diese wohlig schmerzhafte Schwere, mit welcher sich der Horizont in verwaschenen Blautönen auflöst, ein gut gesetzter Aquarellstrich in durchscheinendem Pastell. Das ist jetzt anders, jetzt ist die Traurigkeit nicht mehr wohlig, aber sie vergeht auch wieder. „Es ist wie Wellen. Die eine trägt mich hoch und dann bin ich auch echt gut drauf, leicht und frei und irgendwie auch oft voller Freude. Und auch echt dabei, ne. Also echt, ich meine wirklich, authentisch. Aber ja, dann kommt irgendwie die nächste Welle und unterspült das.“, „Und dann haut es einen umso krasser um.“. Er weiß, er kennt das auch. Sie sagen mir, es ist großartig, dass du diese guten Phasen auch haben kannst. „Manche sind ja nur in der traurig Phase, über Länger auch. Was ja auch ok ist, ich meine legitim. Es gibt ja kein Rezept für den perfekten Trauerkuchen.“ –„Kloß“, sage ich. Ich sehe die Tränen in Evas Augen glitzern, auch sie vermisst ihn, Johannes. Aber dann lachen wir über Geschichten von verwirrten Großmüttern, die Eva mit einer Prise liebevoller Belustigung erzählt. Wir kommen auf Chemoarten und den Unterschied zwischen Tablettenchemo und Infusionen. Ich erzähle, dass Romy und ich an der Ostsee einen bescheuerten Krabbentanz mit dem schlafenden Kira in der Wanderkraxe auf dem Rücken aufgeführt haben und Bene und Jan ein Gif Video davon gemacht haben. „Wir haben erst danach festgestellt, dass es vielleicht etwas komisch ist, weil es ja ein Krebsvideo ist.“. „Pietätlos“, sagt Till und wir lachen erneut. Über das Leben, den Tod und weil alles so verrückt ist.

Veröffentlicht von ToniColette

Twitter: @rabenvoegel

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