umstrittene Bilder

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Wir sitzen auf dem Sofa und reden über seine Zimmereinrichtung. Kira zwischen uns. Jan will umräumen, auch das Zimmer streichen, neue Bilder vielleicht. „Was soll wo hin? Was denkst du?“. Ich überlege, „Was ist mit dem Bild?“. Aus dem Augenwinkel sehe ich es, das ertappte Lächeln. Ich schaue ihn direkt an, „Das ist von ihr, richtig. Sie hat es dir geschenkt.“. Es ist keine Frage. Das Bild ist schön, es leuchtet. Es steht angelehnt an die Wand auf der Kommode. „Deswegen hängt es nicht, weil du dich nicht entscheiden kannst?“. „Ja, es ist umstritten. Es gibt noch mehr umstrittene Bilder.“, lächelt er. „Umstritten. Aha.“, grinse ich. Wir tauschen einen Blick. „Wo? Darf ich sie anschauen, die ‚umstrittenen‘ Bilder?“. Er deutet auf das Regal, „Da. Und klar, schau sie an“. Er hat übertrieben. Es sind nicht so viele Bilder. Er mag die Übertreibung, manchmal. Er mag den Exzess, kontrolliert. Er mag es nicht Kontrolle abzugeben. Aber er mag es damit zu spielen. Kira wird unruhig. Die beiden albern. Kira quietscht vor Vergnügen und wirft sich nach hinten. Er weiß, dass er gehalten wird. Vertrauen. Er lacht. Laut und glockenhell. Jan prustet ihm auf den Bauch. Ich stehe am Regal und nehme die gerahmten Bilder aus dem Fach. Das Oberste liegt mit dem Motiv nach unten. Das ist Absicht. „Umgedreht?“, lächle ich. „Eigentlich ist nur das Eine wirklich umstritten, das Umgedrehte.“, grinst er, kurz aufblickend, dann wieder über Kira gebeugt, der versucht Jan seine kleinen Finger in die Nase zu rammen und dabei zufrieden gurrt. „Ah, ja stimmt, die anderen sind ja gar nicht umgedreht. Aber ganz ehrlich, das hier ist ja wohl nicht umstritten, es ist doch wohl klar, dass du das nicht mehr aufhängen kannst, außer du schneidest den Teil ab, wo sie drauf ist, was aber auch echt komisch wäre.“. Er sieht süß aus, wie er da steht, ertappt und irgendwie froh darüber. „Umstritten, zwischen wem überhaupt, wer streitet sich? Deine verschiedenen Anteile?“, frage ich. „Ja ok, ich kann das nicht aufhängen, hm. Aber eigentlich ein schönes Bild. Auch viel Landschaft.“ Er tritt hinter mich und wir betrachten einen Moment lang das Bild. Ich lege es zurück, umgedreht. Ich drehe mich zu ihm um, er ist ganz nah. 

Als ich abends zuhause bin, sehe ich sie. Ich nehme sie wahr, die Jacken an den Haken an der Wohnungstür. Die Garderobe, die ich nie benutze. Ich habe blinde Flecken, statt umstrittener Bilder. Kira ist gerade eingeschlafen, ich komme aus seinem Zimmer, bin selbst verpennt und verstrubbelt vom ins Bett Bringen und ich stehe im Flur, der hell erleuchtet ist. Die Lampe ist riesig, mehrere Birnen. Alt. Er hat sie besorgt. In irgendeinem Trödelantikladen. Johannes fand immer solche Sachen. Altes, Benutztes, Gebrauchtes, vielleicht etwas kaputt, aber es taugte noch. Wiederverwenden und Finden, das mochte er. Reparieren auch. Bevor ich ihn kannte, wusste ich nicht, dass Menschen wirklich so was wie einen Lötkolben besitzen und ihn benutzen. Meine Eltern haben, als ich klein war, nicht mal selber einen Fahrradreifen gewechselt. Ich nehme die Jacken kurzerhand und halte sie aber von mir weg, vermeide es an ihnen zu riechen. Ich habe Angst, dass sie immer noch nach ihm riechen, dass ich dann heulen muss, oder kotzen, oder beides. Ich fürchte, dass sie nach Tod riechen, nach Krankheit oder vielleicht noch schlimmer, nach Geborgenheit. Ich gehe in mein Wohnzimmer und mache den Schrank auf, seinen Schrank. Alles darin ist noch von ihm. Kleidung, Eishockeysachen. Ich stopfe die Jacken in eins der Fächer. Schrank zu. Kurz setzen. Ich setze mich aufs Sofa, eine Art Podestbett, neu. Also alt, gebraucht, von Ina aus der WG unten, aber recht neu hier. Nicht seins. Nur meins. Meine Wohnung jetzt. Nicht mehr unsere. Eigentlich wollte ich nie in diese Wohnung ziehen. Ich wollte sie für ihn und Ina, für uns auch ja, aber weiterhin mit meinem Zimmer in der WG unten mit meinen Mitbewohner*innen Bene und Jelda. Mein Zimmer, in dem ich lange Jahre gewohnt hatte, wollte ich nicht verlassen. Ich träumte von dem Projekt ihn nah zu haben, aber doch nicht nur als Paar zusammen zu wohnen. Ein Kind mit ihm großzuziehen, aber mit anderen Bezügen als nur die Kleinfamilie. „Das Leben hat echt nen Schuß.“, denke ich. Eine Art bitterbösen Humor hat es, denn nun ziehe ich Kira groß, mit anderen Bezügen, als nur die Kleinfamilie. Mein Netz ist nun Kiras Kleinfamilie, mein engster Freundeskreis, meine Schwester. Als klar wurde, dass es zu hellhörig ist, dass Ina das zu viel würde, mit Baby zusammen zu wohnen, weil sie sowieso schon nicht gut schlafen kann, war ich zunächst untröstlich. Wütend und enttäuscht. Dann zog ich hoch in die neue Wohnung, Ina in mein altes Zimmer, runter in die WG. Und es funktionierte. Johannes und ich, wir waren gut zusammen. Wir wohnten gut zusammen. Aber ich dachte immer, es ist auf Zeit, wenn Kira älter wäre, würden wir mit der WG wieder durchtauschen, vielleicht zumindest. Es war auf Zeit, aber anders als geplant. Mein Handy piept und ich öffne ein Foto von der Wand in Jans Zimmer #neueBilderneueZeiten steht darunter. Ich mache mit dem Handy ein Foto von den leeren Haken an der Tür, #StepByStep und drücke auf Senden.

Veröffentlicht von ToniColette

Twitter: @rabenvoegel

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